Erfahrungsberichte
"Wenn die mitmacht, steige ich aus!"
Gruppendynamische Erfahrungen mit dem Wettbewerb "Lebendige Antike" aus Elternsicht
"Wir sollen uns da zu so einem Wettbewerb melden, hat unser Lateinlehrer gesagt!" Mit diesem Satz kam meine Tochter, Schülerin einer damaligen Quinta des Canisius-Kollegs, im Januar 1997 nach Hause. "So", sagte ich, "was denn für ein Wettbewerb?" - "Ach, irgendwas über Antike oder so. Kann man auch in Gruppen machen," lautete die ziemlich desinteressierte Antwort. Klar, dachte ich mir, die haben in der Schule schon so viel Druck und Verpflichtungen. Da sind sie zögerlich, sich noch mehr auf den Hals zu laden. Und obwohl ich fand, dass so ein Wettbewerbsprojekt Auflockerung und ggf. Aktualisierung des altsprachlichen Unterrichts versprach, drang ich nicht weiter in meine Tochter. Ich hatte zugegebenermaßen auch keine Lust, eine Sache zu forcieren, die dann mangels Motivation an mir hängen blieb.
Zwei Wochen Schweigen. Ich hielt das Thema für erledigt. Dann eines Tages beim Mittagessen: "Also morgen müssen wir uns aber endgültig entscheiden, wegen des Wettbewerbs. In unserer Gruppe wollen fünf Mädchen mitmachen. Es gibt auch noch drei oder vier andere Gruppen in unserer Klasse." Da hatte sich also in puncto Wettbewerb doch einiges entwickelt in den letzten 14 Tagen. "Wisst ihr inzwischen Genaueres über das Thema?" forschte ich vorsichtig. "Reisen in die Antike - Reisen in der Antike - oder so ähnlich", erfuhr ich daraufhin. Ich erkundigte mich, ob sie denn schon eine Idee hätten. Ein Theaterstück oder ein Spiel hätten zur Debatte gestanden, man habe sich für ein Brettspiel entschieden, für eine Mischung aus Monopoly und Deutschlandreise. Ja, und in Rom solle das Ganze spielen, denn da habe man schon einen Stadtplan hinten im Lateinbuch.
Nachdem die Angelegenheit bis zu diesem Punkt gediehen war, entschloss ich mich, die Realisierung dieser Wettbewerbsidee beratend zu begleiten. Im Rückblick kann ich sagen, dass es sehr wichtig war, dass die Schülerinnen sich aus freien Stücken zum Mitmachen entschieden hatten, dass sie sich nicht gedrängt oder zu einer fremden Idee überredet fühlten. Denn in den unweigerlich auftretenden Durchhängern gab es wohl mal den Seufzer: "Was haben w i r uns da bloß aufgeladen!", aber es hieß immer "wir" und nie: "Warum wollte unser Lehrer / meine Mutter o.ä. bloß, dass wir so einen Mist machen müssen."
Andererseits wurde mir klar, als mir meine Tochter die weitere Planung schilderte, dass elf- bis zwölfjährige Kinder nach eineinhalb Jahren Latein und bestenfalls Referaterfahrung absolut überfordert sind, ein so komplexes Thema ohne Hilfestellung zu bearbeiten. Neben die inhaltlichen Anforderungen treten die organisatorisch-methodischen. Das merkte ich, als man sich in der Gruppe zuerst Gedanken machte um Material und Anfertigung der Spielfiguren, ein eher peripheres Problem, das aber - praktisch, handgreiflich, konkret - für die Mädchen im Vordergrund stand.
Auf keinen Fall, das schien mir wichtig, sollte der Wettbewerbsbeitrag ein Fiasko werden, wobei es nicht unbedingt auf einen Preis ankam (obwohl die Kinder von Anfang an in den kühnsten Träumen schwelgten - das gehört wohl dazu!), sondern darauf, dass am Ende eine abgeschlossene Arbeit vorlag, auf welche die Autoren stolz sein konnten und die in ihren Augen die Mühe rechtfertigte. Andernfalls sah ich die Gefahr, dass die Bereitschaft, an solchen Aktionen teilzunehmen, für die Zukunft verloren ginge. "Mann, war das ein Stress, aber es hat echt Spaß gemacht" - so fasste es ein Mädchen am Schluss zusammen, als wir um das fertige Spielbrett herum auf der Erde saßen und "mit vergnügten Sinnen" auf das soeben vollendete Werk blickten.
Nun stellte sich natürlich die Frage: Unterstützen ja, aber wie und wie viel? So wenig wie möglich, soviel wie nötig, nahm ich mir vor. Die Arbeit sollte nicht meine Handschrift tragen. Also: Ideen steuere ich keine bei, aber ich versuche, bei den Mädchen nach sokratischer Fragemethode Ideen zu provozieren und diese dann abwägen, auswählen, konkretisieren zu lassen.
Ein Problem des CK: Die Schüler wohnen über das gesamte Stadtgebiet (und darüber hinaus) verstreut, d.h. häufige Zwei-Stunden-Treffs sind nicht möglich, jeden zweiten Sonnabend ist zudem Schule. Wir konnten nur wenige, dafür aber ausgedehnte gemeinsame Termine vereinbaren. Außerdem ist bei der sonstigen Belastung der Schüler mindestens eine, besser zwei Ferienwochen im Bearbeitungszeitraum nötig. Ohne die Osterferien hätten wir es nie geschafft.
Mobbing in der Gruppe: "Wenn d i e mitmacht, steige ich aus!" Mit dieser Situation wurde ich konfrontiert, obwohl ich dachte, die Fünfergruppe habe sich einvernehmlich gefunden. Ich habe versucht, die Gründe zu erfragen, zu entkräften, wenigstens abzuschwächen. Beim ersten, als unverbindlich deklarierten Treffen gelang es dann, eine allseitige Akzeptanz herzustellen. Aber gruppenpsychologische Fragen begleiteten uns. Was tun, wenn Schüler bei mehreren Treffen fehlen, ihnen übertragene Teilaufgaben schlecht oder gar nicht erledigen. Ich habe mich bemüht, Unmut zu dämpfen, wo ich merkte, es g e h t nicht besser, aber die Gruppe mit freundlicher Ermahnung zu ermuntern, wo mehr Engagement drin gewesen wäre. Trittbrettfahrer lassen sich nicht vermeiden, auch in unserer Gruppe war der Arbeitsanteil der einzelnen unterschiedlich, aber hier "Gerechtigkeit" anzustreben hieße, sich in endlose Streitereien und letztlich fruchtloses Aufrechnen zu verstricken. Wenn die Unterschiede nicht zu krass werden, sollte der einzelne an seiner Arbeit so viel Befriedigung finden, daß er über Defizite des einen oder anderen hinwegkommt.
Die Organisation der Arbeit braucht die stützende Hand eines Erwachsenen (bei Mittelstufenschülern). Ich legte allerdings keinen Arbeitsplan vor, sondern stellte organisatorische Fragen und ließ diese in der Gruppe diskutieren. Es zeigte sich, dass die Schülerinnen sehr wohl in der Lage waren, Vorschläge gegenseitig abzuwägen, abzuwandeln, ich musste nur sehen, dass nicht immer der, der am wortreichsten oder lautesten vortrug, den Zuschlag bekam. Oft galt es, zögernd vorgebrachten, aber wohldurchdachten Beiträgen Gehör zu verschaffen. Mit Einwürfen wie: "So schlecht finde ich das gar nicht" oder "Man sollte die Idee von N.N. nochmals überdenken" versuchte ich, den in diesem Alter manchmal etwas rauhbeinigen Diskussionston abzufedern. Streckenweise bestand mein Diskussionsbeitrag nur darin, die Mädchen zum Thema zurückzuführen. Schier unerschöpflich schien der außerthematische Gesprächsstoff, der mit wahrhaft kapitolinischem Gänsegeschnatter bewältigt sein wollte. Auch galt es, der Neigung der Schülerinnen entgegenzuwirken, Spaß verheißende Arbeiten an den Anfang zu stellen, mühsame, aber grundlegende Dinge vor sich herzuschieben.
Arbeitsteilung ist unerlässlich. Sie spart Zeit und bringt auch bessere Ergebnisse. Einige malen gut, andere basteln geschickt, andere können gut Texte abfassen. Auch die Belastbarkeit der einzelnen ist unterschiedlich. Damit es nicht zum Frust kam, mußte ich Weichen stellen, wo einzelne ihre Fähigkeiten falsch einschätzten. Niemals aber wurde jemandem etwas aufgedrückt. Einige Arbeiten, besonders technische, konnten selbständig zu Hause erledigt werden, bei anderen Aufgaben, besonders den redaktionellen, die zu zweit oder dritt ausgeführt wurden, habe ich beratend zur Seite gestanden. Doch habe ich mich bemüht, nie zu sagen: Schreib' das so oder so, sondern: Kann man da nicht etwas weglassen? Fehlt da vielleicht noch ein Satz über ...?
Nun zur Frage der Materialbeschaffung und -sichtung: Gleich beim ersten Treffen brachten die Kinder an Büchern mit, was die elterlichen Schränke zum Thema Rom hergaben: Reiseführer, wissenschaftliche Handbücher, dicke Bildbände. Um das durchzuforsten, hätten die Kinder Jahre gebraucht, zumal ihnen vieles fremd und unverständlich war. Auch die notwendige Reduktion hätten sie nicht leisten können. Ich entschied mich daher für den Weg vom Bekannten zum Unbekannten: Was das Lateinbuch ROMA 1 hergab, wurde die Grundlage, d.h. Stadtplan, antike Gebäude, diesbezügliche Informationen unter der Rubrik I in den einzelnen Lektionen. In die Hand bekamen die Mädchen sonst nur noch ein schmales Polyglottbändchen über Rom. Ich selbst suchte nun Ergänzungen aus den übrigen Büchern heraus, las sie vor bzw. zeigte entsprechende Abbildungen, und wir überlegten gemeinsam, was in das Spiel aufgenommen werden sollte.
Natürlich gab es ab und zu Ermüdungserscheinungen. Aufmunterungen - materiell in Form von leiblichen Genüssen (teilweise von Müttern gestiftet) und ideell durch Hinweis auf bisher Geleistetes - sowie manche Späße brachten den Karren immer wieder ins Rollen.
Bei den großen technischen Schlussarbeiten (Aufnahme des Textes in den Computer, Aufziehen des Plans auf Sperrholz, Einschweißen der Karten) fanden wir bereitwillige Unterstützung bei den Eltern. Das war übrigens ein wichtiges Element der gesamten Arbeitsphase: Die Kinder merkten von Anfang an, daß ihre Eltern dem Unternehmen Interesse entgegenbrachten.
Die Fünfergruppe war meiner Meinung nach eine ideale Gruppengröße für solch ein Projekt. Sie ermöglicht sowohl effektive Gespräche im ,,Plenum" als auch Arbeitsteilung.
Lernzuwachs? Motivation? Dazu die Mädchen selbst:
"jetzt müssen wir aber wirklich mal nach Rom fahren, damit wir das sehen können, was wir beschrieben und gemalt haben."
,,Ich glaub', ich kenne mich jetzt in Rom aus, ohne da gewesen zu sein. Ich könnte glatt einen rumführen."
Ich möchte mich dem Fazit der Mädchen anschließen: Mann, war das ein Stress, aber hat echt Spaß gemacht.
Gertrud Bachmann
Ein Vorschlag für künftige Wettbewerbe: Man sollte irgendwie versuchen zu verhindern, dass es ein Wettbewerb der Technik/ des Computereinsatzes wird.
aus: Lebendige Antike. Erfahrungen mit Projektarbeit im Latein- und Griechischunterricht,
Redaktion: Dr. Josef Rabl und Leonhard Dünnwald, als Broschüre beim BIL 1998 erschienen