"Eine Zeitung aus dem antiken Rom oder Athen" - so lautete die Aufgabenstellung des 4. Berliner Schülerwettbewerbs "Lebendige Antike" 1995.
Entworfen werden sollte eine Zeitung oder Illustrierte, die nach den Rubriken heutiger Printmedien gestaltet ist. Sie sollte das Leben der Antike zu einem selbstgewählten Zeitpunkt widerspiegeln, wobei nicht jedes Detail historisch belegt sein mußte.
Ein solches Wettbewerbsthema weckt bei jedem Schüler sofort vielfältige Assoziationen, da er die Gattungen und Rubriken heutiger Zeitungen kennt: Politik, Lokales, Kommentare, Leserbriefe, Horoskope, das Wetter, Werbung, Kurzmeldungen ... . Gleichzeitig fühlen sich die Schüler bei einer derartigen Themenstellung aufgefordert, auch ihr graphisch-künstlerisches Geschick unter Beweis zu stellen - der Schwerpunkt lag somit in gleicher Weise auf dem Recherchieren und Schreiben einerseits und dem Lay-Out andererseits.
Die Schüler, die am Wettbewerb teilnehmen wollten, befanden sich im 10. Jahrgang (des Arndt-Gymnasiums in Dahlem). Es war eine kleine Lerngruppe mit 7 Schülern, die die griechische Sprache erst seit 1 1/2 Jahren erlernten und eine sehr positive Einstellung zum Wahlpflichtfach Griechisch besaßen. Das erforderliche Durchhaltevermögen während der Bearbeitungsphase sowie die Bereitschaft, jenseits des griechischen Sprachunterrichts zusätzliche Aufgaben zu übernehmen, schienen also besonders gewährleistet. Durch die kleine Gruppe war jeder Schüler in hohem Maße zu aktiver Teilnahme und eigenem Engagement aufgefordert.
Die Themenfindung gestaltete sich sehr einfach und wurde einstimmig allein durch die Schüler festgelegt. Das Lehrbuch Propylaia brachte im Verlauf der Lehrbuchphase häufig - wenn auch nur in Einzelsätzen - Anspielungen auf die Person des Sokrates. Seine Philosophie und vor allem sein ungewöhnliches Lebensende interessierte die Schüler sehr. Daher stand das Erscheinungsjahr der Zeitung schnell fest: der Tag nach der Hinrichtung des Sokrates. Dadurch war zum einen Sensationsberichterstattung möglich, was den Schülern sehr wichtig war. Zum andern konnten sie zu diesem Thema auch ohne umfangreiches Geschichtswissen, das sie sich innerhalb des kurzen Bearbeitungszeitraumes nicht hatten aneignen können, einen Bericht schreiben und quasi die "Stimme des Volkes" verkörpern.
Die Ideen der Schüler zu möglichen Rubriken waren erstaunlich und teilweise sehr kreativ, die Zeit jedoch verstrich allzu schnell. Die Organisation der einzelnen Arbeitsschritte bedurfte genauer Planung und intensiver Anleitung. Jedem Schüler wurde eine Übersicht über die bisher gesammelten Vorschläge zu möglichen Artikeln, dem jeweiligen Verfasser und einem ungefähren Abgabetermin zur Fertigstellung an die Hand gegeben. Außerdem sollte jeder zwei Werbeideen in schriftlicher Form präsentieren. Diese schriftliche Festlegung der Arbeitsteilung war nötig, um nicht allzu unverbindlich zu bleiben. Überdies war für die Bearbeitung vieler Themen notwendig, den Schülern weiterführende Literatur an die Hand zu geben (darunter sehr viele JugendSachbücher zur griechischen Antike).
Das Suchen und Ausdenken von Werbung bereitete den Schüler am meisten Spaß. Der Einfallsreichtum und die Phantasie waren unermeßlich, moderne Werbung wurde ausgeschnitten und mit antiken Sentenzen versehen, so daß wir innerhalb kurzer Zeit eine ganze Mappe möglicher Zeitungsanzeigen besaßen. Ebenso erfreute sich das Erstellen von kleineren Beiträgen wie von Wetterkarte, Horoskop, Leserbriefen etc. großer Beliebtheit, so daß diese Beiträge relativ schnell fertig waren. Sie waren es aber auch, die in den Phasen, in denen die Lust der Schüler zu schwinden begann, neue Kräfte gaben.
Das Abfassen der Artikel im journalistischen Stil war für die Schüler teilweise schwer. Themen einiger Artikel wurden wieder fallen gelassen, so daß zwischenzeitlich zu befürchten war, daß die Zeitung mangels Beiträgen nur den Umfang eines Flugblattes erhalten und zu einem Florilegium verkümmern würde. Zuversichtlicher wurden die Schüler in dem Moment, als die ersten fertigen Manuskripte in der Breite einer Zeitungskolumne getippt und von Rechtschreibfehlern befreit zur Ansicht vorlagen. Die Artikel erschienen sofort wesentlich professioneller. Dieser kleine, aber bedeutende Schritt gab allen Motivation für den Endspurt.
Die insgesamt 4-monatige Arbeitszeit erforderte sehr viel Durchhaltevermögen von allen Seiten. Die Schüler hatten durch diverse Freizeitaktivitäten und durch Vorbereitungen auf Klassenarbeiten und Tests streckenweise auch wenig Zeit, sich um den Wettbewerb zu kümmern. Die Beiträge waren daher häufig nicht zum festgelegten Termin fertig. Ein weiteres Problem war, den Sprachunterricht nicht allzu sehr zu beschneiden. Daher wurden nach 2-3 einführenden Stunden die anstehenden Fragen und Probleme in zusätzlichen Stunden, in den Pausen oder am Ende der Stunden geklärt. Die Schüler waren an vielen Stellen zu kritisch: sie diskutierten über einzelne Artikel zu ausführlich und liefen Gefahr, das Gesamtwerk aus dem Auge zu verlieren. Daß der Weg von der Fertigstellung der Texte bis zur fertigen Zeitung weit sei, war ihnen bisweilen in Erinnerung zu bringen.
Den Namen der Zeitung ließen wir lange Zeit offen. Die Namenssuche bereitete den Schülern ganz offensichtlich Freude, es gab viele Vorschläge, die jedoch teilweise sehr schnell in heftigen Wortgefechten von den Mitschülern verworfen wurden. Da der Titel der Zeitschrift in griechischer Sprache gehalten sein sollte, die Schüler aber nicht viele Begriffe aus dem Bereich der Zeitschrift und Information im Griechischen kannten, wurde zunächst nach passenden deutschen Begriffen gesucht, die dann nach freier Wortschöpfung ins Griechische übersetzt wurden. So entstand nach einiger Überlegung in Anspielung auf das Wahrzeichen Athens und das bekannte Satiremagazin "Eulenspiegel" der Titel Glaukatoptron.
Da das Gestalten der Zeitung mittels der vorliegenden Materialien sehr zeitaufwendig sein würde und dies mehrere Stunden benötigen würde, trafen wir uns zu einer 8-stündigen Abschlußsitzung an einem Wochenende in dem Gebäude der Klassischen Philologie der FU, die uns dankenswerterweise ihre Räume zur Verfügung stellte. Es gab noch viel zu tun, und wir benötigten vor allem: viel Platz, einen Computer, um die Artikel eventuell nochmals ausdrucken zu können, einen Kopierer und eventuell auch Nachschlagewerke. Diese Abschlußredaktionssitzung war nicht nur sehr effektiv, sondern auch eine sehr gelungene außerschulische Aktivität. Es war ein sehr lebhafter Nachmittag, es wurde viel gelacht und geplaudert, während die einen klebten, andere schnippelten, wieder andere am Computer Inhaltsverzeichnisse erstellten. Es war mit Abstand die schönste Phase beim Erstellen der Zeitschrift: nach Abschluß der Artikel sich von seinem künstlerischem Empfinden leiten zu lassen und die zahllosen Beiträge, die Werbung etc. zu einem kunstvollem Ganzen werden zu lassen. Während die Schüler bei einigen anderen Arbeitsschritten Unterstützung benötigten, sei es bei der Organisation des gesamten Projektes, sei es durch das Abtippen der Artikel oder beim Recherchieren einiger Details, die - wenn möglich - authentisch sein sollten (die Jahreszählung nach Olympiaden, den Archonten des Jahres 399 v. Chr. und den ungefähren Preis einer damaligen Zeitung ermittelten wir über die Akademie der Wissenschaften), arbeiteten sie hierbei sehr selbständig und zeigten sich äußerst kreativ.
Die erfolgreiche Teilnahme am Wettbewerb blieb nicht ohne Auswirkungen: Kaum war der Wettbewerb vorüber, fragten bereits einige Schüler der Gruppe, ob es nicht noch andere Wettbewerbe gäbe, an denen sie teilnehmen könnten. Da dies nicht der Fall war, planten wir ein eigenes neues Projekt für das nächste Schuljahr : die Beschäftigung mit Sokrates hatte das philosophische Interesse der Schüler geweckt. Daher lasen wir im folgenden Schuljahr Sophies Welt von Jostein Gaarder und sprachen in einer der fünf Wochenstunden Griechisch über den jeweiligen Lektüreabschnitt. Dieses Projekt hätte ich nicht in Angriff genommen, wenn nicht die positive Erfahrung während des Wettbewerbs auch mich zu längerfristigen und anspruchsvolleren Unternehmen angespornt hätte.
Bettina Jäckel,
Bertha-von-Suttner-Oberschule
aus: Lebendige Antike. Erfahrungen mit Projektarbeit im Latein- und Griechischunterricht, Redaktion: Dr. Josef Rabl und Leonhard Dünnwald, als Broschüre beim BIL 1998 erschienen