Erfahrungsberichte
Theseus kämpft in Glienicke!
Schüler produzieren einen Videofilm an "Originalschauplätzen"
An meiner Schule - Latein wird an diesem Charlottenburger Gymnasium als zweite Fremdsprache unterrichtet - ist es seit Jahren üblich, die neuen Schüler mit einem kleinen Theaterstück in lateinischer Sprache zu begrüßen. Aufgeführt wird es immer und mit großem Engagement von den ehemaligen Siebtklässlern, die sich zum Zeitpunkt der Aufführung in der achten Klasse befinden.
Mittlerweile werden von verschiedenen Verlagen Reihen mit kleinen Theaterstücken herausgegeben, die sich gut für eine Aufführung in einem solchen Rahmen eignen. Ich persönlich hatte schnell mein Lieblingsstück gefunden "De Theseo et Minotauro" von Walter Sauter (Klett-Verlag), in meinen Augen geradezu ideal für unsere Zwecke. Es bietet nicht nur eine hochdramatische Story, sondern auch den verschiedenen Schülertypen einer Schulklasse die passenden Rollen: den ganz Scheuen, die sich nichts zu sagen trauen, die Rollen der Schüler, den schon etwas Mutigeren die Rollen der verschleppten athenischen Kinder, die alles im Chor sagen, und dann den geborenen Stars die großen Rollen, in denen sie sich voll entfalten können.
Mit einer schauspielerisch recht begabten 8. Klasse hatte ich also wieder einmal den Kampf zwischen Theseus und Minotaurus in Szene gesetzt, als der 1. Wettbewerb "Lebendige Antike" ausgeschrieben wurde, mit genau dem Thema, mit dem wir uns beschäftigt hatten: Umsetzung einer antiken Sage in eine andere Form.
Es war keine besondere Motivation meinerseits nötig. Ich las nur die Wettbewerbsbedingungen vor und sofort war die Idee da, einen Videofilm herzustellen. Aber die Schüler waren sich einig: das Stück sollte nicht nur einfach auf der Bühne der Aula abgefilmt werden, wie es bereits eingeübt und aufgeführt war, sondern es sollte noch verbessert und neugestaltet und an "Originalschauplätzen", also auch im Freien, gespielt werden.
Eine "Bühnenfassung" des Stückes zu erarbeiten, ist nicht sehr aufwendig: zu Hause wird der Text gelernt, in der Schule muß man für die Proben ca. 4-5 Stunden einplanen, Kostüme besorgt sich jeder selbst, die Requisiten werden gemeinsam überlegt, der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Der Plan, einen Film zu drehen, der den eigenen Anforderungen und denen des Wettbewerbs entspricht, erforderte nun dagegen eine bedeutend intensivere Beschäftigung mit der Sache. Die schauspielerische Darstellung der einzelnen Personen mußte verbessert werden, weniger Phantasie, mehr Originalität bei Kostümen und Ausstattung war gefordert, ebenso sehr gutes Artikulieren und Sprechen des lateinischen Textes und Schauplätze suchen, die sich für ein antikes Ambiente eignen.
Gerade der letzte Punkt führte zu intensiven Überlegungen und Aktivitäten, denn ein guter Schauplatz schien allen das wichtigste. Die Orte des Geschehens wurden in ihrem Aussehen genau überlegt und zusammengestellt: Meer, Palast des Königs, Zimmer der Ariadne, Labyrinth, Weg der Kinder. Im Nu waren die Schüler mit dem beschäftigt, was wir Antikerezeption nennen, und betrachteten ihr Wohngebiet, vorwiegend Eichkamp, und die nähere Umgebung gemäß dem Motto des Wettbewerbs unter dem Aspekt "Wo ist die Antike heute noch lebendig?" In Grüppchen gingen sie los, Vorschläge zu prüfen, vorwiegend Häuser mit Säulen und Gärten, und staunten, wieviele es gab. Aber die zündende Idee war dann Glienicke, genauer gesagt Klein-Glienicke. An einem Wandertag fuhren wir dorthin und musterten das Schloß und den Park. Dieser und der spätklassizistische Bau von Schinkel, ausgeführt im Stil eines römischen Landhauses, wie Plinius d.J. es in seinen Briefen beschrieben hat, schien uns mit seinen verschiedenen Gebäuden und in seiner Lage eine ideale Kulisse für den Film zu sein. Das Meer war da (die Havel), der Palast des Minos (das Kasino) und das Labyrinth (der Klosterhof). Für den Weg der Kinder bot sich unser eigenes Waldschulgelände an, und der Klassenraum des Vorspiels war natürlich der eigene.
Eine andere, sehr wichtige Phase in der Vorbereitung war dem sprachlichen Ausdruck gewidmet. Die Schüler übten die lateinische Sprache in dem natürlichen Tonfall einer lebenden Sprache zu sprechen und erlebten wahrscheinlich zum ersten Mal Latein als echtes Kommunikationsmittel.
Nachdem auch Kostüme und Requisiten verfeinert waren, zogen wir mit Sack und Pack nach Glienicke zum ersten Drehtag. Unser Schulleiter, der dem ganzen Unternehmen sehr wohlwollend gegenüberstand, hatte uns vom Unterricht befreit. Zwei Mädchen, unsere Kameraleute, filmten mit großem Sachverstand; ein Vater hat später den Film geschnitten und fertiggestellt.
Alle Schüler waren während der Arbeit sehr interessiert, engagiert und diszipliniert. Jeder war beteiligt und fühlte sich mitverantwortlich für das Gelingen. Viele Proben und auch der zweite Drehtag auf dem Schulgelände fanden am Nachmittag in der Freizeit statt.
Unser Eifer und unsere Mühe wurden dann auch reichlich belohnt: zu unserer Freude errangen wir den 2. Preis und gewannen eine Summe von 200 DM. Gemeinsam gingen wir - während der Schulzeit! - zum Eis-Essen, und für den Rest des Geldes wurden verschiedene Duden für die Klasse gekauft.
Ohne Zweifel hat diese gemeinsame intensive Beschäftigung mit einem lateinischen Theaterstück mit dazu beigetragen, daß der Lateinunterricht in dieser Klasse recht lebendig blieb. Die Schüler hatten immer Interesse am Sprechen kleiner Szenen oder Singen lateinischer Lieder.
Aufgrund dieser positiven Erfahrung habe ich, als ich einige Zeit später an unserer Schule eine Theater-AG mit Schülern aus allen Klassenstufen gründete, als erstes Stück eine antike Komödie, nämlich die "Mostellaria" von Plautus, ausgewählt. Die komödiantische Kraft dieses "alten Römers" hat mich sehr beeindruckt, denn schon beim ersten Lesen des Textes (diesmal allerdings in deutscher Übersetzung von Walter Hoffmann) haben sich die Schüler amüsiert und viel gelacht. Ungeübte Schüler zum lockeren lustigen Schauspielern zu bringen, ist nicht einfach. Es kostet die meisten zunächst viel Überwindung und Anstrengung, aus sich herauszugehen, sich mit einer Rolle zu identifizieren und sie einigermaßen glaubwürdig darzustellen. Ich hatte aber den Eindruck, daß gerade Plautus’ Stück diesen Prozeß erleichtert und beschleunigt. Seine Figuren und Szenen sind so komödiantisch angelegt, haben einen so großen Aufforderungscharakter, daß uns die Ideen zur Gestaltung von Situationen und Personen fast von allein kamen. Es wurde eine recht gelungene Aufführung.
Allerdings neigen heute im Nachhinein die mitwirkenden Schüler dazu, ihr erstes Stück nicht mehr so positiv zu sehen. Sie stufen es eher als altmodisch oder gar langweilig ein, auch aufgrund der Resonanz der Mitschüler, denen unsere anderen, "moderneren" Aufführungen viel besser gefielen. Das scheint mir übrigens auch die Kernfrage einer Theater-AG zu sein: Will man nur unterhalten, oder will man sich mit anspruchsvolleren oder literarischen Texten auseinandersetzen.
In diesem Punkt halten wir uns an den wohlgemeinten Rat eines anderen "alten Römers". Ovid empfiehlt: Medio tutissimus ibis!?
Irene Fritsch,
Wald-Oberschule, Berlin-Charlottenburg
aus: Josef Rabl, Leonhard Dünnwald (Hg.): Lebendige Antike. Erfahrungen mit Projektarbeit im Latein- und Griechischunterricht, Berlin (BIL) 1998