Erfahrungsberichte
Selbsttätigkeit contra Erfolgsorientierung. Ein Dilemma bei Wettbewerben
Es ist so eine Sache mit den Wettbewerben: Von ihnen geht einerseits eine hohe Motivationskraft aus: Wäre es sonst möglich, dass so viele Schülergruppen in Berlin und Brandenburg zur gleichen Zeit intensiv an einer Themenstellung arbeiten, die nach den gängigen Vorstellungen für den Lateinunterricht doch recht ungewöhnlich ist? Andererseits birgt die Erfolgsorientierung im Rahmen eines Wettbewerbs immer die Gefahr, dass ein zentraler Aspekt der Projektmethode in den Hintergrund tritt: Die wirklich selbständige Leistung der Schülerinnen und Schüler im Rahmen ihrer jeweils erreichbaren Möglichkeiten. Der Wunsch, ein preiswürdiges, möglichst perfektes Produkt vorweisen zu können, kann dazu führen, dass dann letztendlich eher Lehrer- oder (wie Erfahrungen aus dem Grundschulbereich zeigen) Elternwettbewerbe stattfinden, statt dass Schülern gestattet wird zu zeigen, wieviel ihnen aus eigener Kraft möglich ist.
In diesem Dilemma habe ich mich bei jedem der Wettbewerbe "Lebendige Antike" befunden: Die Themen waren ausserordentlich reizvoll und meist auch so gestellt, dass sie auch für meine Schüler mit einer sehr zurückhaltenden Beratung meinerseits allein zu bewältigen schienen. Es kam mir nicht darauf an, "Klassenprojekte" zu initiieren, sondern einzelnen Schülern oder kleinen Gruppen die Möglichkeit zu geben, von der Idee bis zur Vollendung des Produkts ihre Arbeit selbsttätig zu organisieren und sie dabei psychologisch zu unterstützen. Ein äusserst glückliches Thema waren dafür z.B. die Herstellung eines Spiels, aber auch die Produktion einer antiken "Zeitung". Bei den Spielen beschränkte sich meine Hilfe im wesentlichen auf die Überprüfung der sachlichen Richtigkeit der Frage- und Antwortkarten. Die Ergebnisse waren für mich erstaunlich, ein besonders wichtiger allgemeiner Lerneffekt sicherlich die erfolgreiche Bewältigung der Zeitökonomie. Dass niemand von den Kleingruppen einen Preis gewann, war eigentlich schade: Natürlich waren die Produkte nicht perfekt, aber eben die ureigene Leistung der Teilnehmer. Immerhin gab´s einen "Mengenpreis" für die Schule. Bei der folgenden Runde gelang es einer Kollegin an der Schule, das Projekt "Zeitungsherstellung" in ihre Basiskurs-Lektüre ("In Verrem") zu integrieren: Alle Schülerinnen und Schüler produzierten in kleinen Gruppen eine recht umfangreiche Zeitung. Die Ergebnisse - es wurde selbständig gearbeitet, Lehrerberatung betraf vor allem die sprachliche Richtigkeit - waren auch hier witzig und umfangreich, aber -angesichts des geringen Lehrereinflusses- natürlich nicht preisfähig. Übrigens habe ich damals das Wettbewerbsthema sehr gut in einen Leistungskurs des 4. Semesters ("Cäsar oder Christus") aufnehmen können, auch nach schriftlichem Abitur und Semesterklausur waren die Teilnehmer so noch einmal zu bewegen, sich - sogar über die Osterferien - intensiv mit der Epoche Diokletians zu beschäftigen. Dass das Produkt hier keinen Preis erhielt war für mich nicht erstaunlich, wenngleich der Motivations- und Lerneffekt mich gleichermaßen erfreute und entlastete. Insgesamt war aber das Fazit der beiden Wettbewerbe: Mehr Einflussnahme ist nötig, eine stärkere Lehrerlenkung, will man erfolgreich sein; Schlussfolgerungen, die eigentlich meiner Vorstellung von Projektarbeit wenig entsprachen.
Nun war es Anfang 1997 mal wieder so weit: "Reisen in der Antike - Reisen in die Antike". Im Unterricht wurden gerade die "Germanen-Lektionen" von "Ostia" behandelt. Also erste Vorgabe: Das Thema wird eingeengt auf das römische Germanien. Zweite Vorgabe: Die ganze 8. Klasse (29 Schülerinnen und Schüler, die Latein als zweite Fremdsprache lernen) wird sich in kleinen Gruppen mit diesem Thema beschäftigen: Ziel ist die Fertigstellung einer Reisewerbung bis zum Abgabetermin. Die Gruppen sollen sich anhand eines ersten Einblicks in vorhandene Materialien durch die Vorliebe für bestimmte Orte zusammensetzen. Ein vorsorglicher Blick in die umliegenden Bibliotheken ergibt zu den Römerstädten in Germanien eine fast vollständige Fehlanzeige. Die Materialsuche durch Schüler ist hier ziemlich aussichtslos. Das wenige Vorhandene nehme ich zur Sicherheit gleich mit. Das Bild- und Textmaterial wird also vor allem aus der Schule, meinen eigenen Beständen und den Leihgaben von netten Kolleginnen zusammengestellt. Die wesentliche Aufgabe der Schüler wird so nicht die Materialbeschaffung, sondern die Auswertung, Auswahl und kreative Verarbeitung sein. Ein sehr komplexes Projekt: Arbeit an umfangreichem und anspruchsvollem Material und Parodierung einer noch kaum verstandenen Textform; zu schwierig für eine 8. Klasse, sagen manche Kollegen. Kaum ein Thema, das wirklich allein zu bewältigen ist, jedenfalls. Ich versuche eine Einführung nach der "Moderationsmethode": Die Schüler und Schülerinnen erhalten zuerst alle möglichen Reiseprospekte "Sommer 97" und schreiben auf Zettel, was in eine Reisewerbung unbedingt hinein muss. Die Zettel werden an einer Pin-Wand (in der Schule schwer, aber letztlich doch aufzutreiben) gesammelt und geordnet. Das klappt ganz gut. Weniger erfolgreich ist die Idee der Gruppenzusammensetzung nach den Vorlieben für bestimmte antike Orte: Die Schlaumeier unterlaufen einfach meine Moderationsmethode, bilden erst Gruppen und suchen sich dann eine Stadt aus. Danach machen sie sich an die Materialsichtung. Damit sich nicht durch die Uferlosigkeit vorschnell Frust einstellt, lasse ich Zwischenergebnisse formulieren: Eintragen in ein Schema: Was soll in der Werbung stehen, was ist dafür vorhanden, welche Materialien werden noch benötigt, was soll schon kopiert werden? Kopierdienst wird in der Anfangsphase eine meiner wesentlichen Tätigkeiten. Ich setze einen Termin für einen Erstentwurf, versuche ihn zu würdigen und Anfragen zu formulieren. Dazwischen wieder eine Phase mit Sprachuntericht. Der Arbeitseifer und die Qualität der Arbeit in den Gruppen sind sehr unterschiedlich. Die einen muss ich dazu antreiben, wenigstens bei der Sache zu bleiben, andere haben schon ein phantasievolles Konzept und viele Fragen zur Umsetzung. Ich berate intensiv, weise auf noch nicht bearbeitete Materialien hin, gebe Tips zur Umsetzung. Schülerprojekt? Ganz gewiss ist das Maß an Energie, Geduld und Frustrationstoleranz für die gewohnten Verhältnisse in dieser Klasse hoch. Ich gebe gern die gewünschten Hilfen, möchte auch, dass sie vielleicht durch einen Erfolg im Wettbewerb belohnt werden. Es schälen sich Arbeitsteilungen heraus: Kopf- und Handarbeiter, oft parallel zur üblichen Rollenverteilung im Unterricht, aber es gibt auch Ausnahmen. Wie lange dauerte es von Rom nach Köln? Was mag das gekostet haben, was hatten die überhaupt für Geld? Ich weise auf die vorhandenen Informationsmittel hin, muss aber dazu meist noch viel erklären. Es gibt pfiffige Ideen, die manchmal wenig anschaulichen Ruinenabbildungen aus den einzelnen Orten durch Rekonstruktionszeichnungen aus anderen Zusammenhängen zu ergänzen. Ich muss darauf achten, dass der Bezug zum konkreten Ort nicht ganz verloren geht. Ein besonderes Problem ist die geforderte Eingrenzung auf einen bestimmten historischen Zeitpunkt. Dass deshalb unter den ausgewählten Bildern eine Entscheidung getroffen werden muss, ist kaum verständlich zu machen. Es fehlt eine grundlegende chronologische Vorstellung. Schließlich Endspurt: Bis Montag muss alles fertig sein: Vier Gruppen schaffen es, zwei bleiben auf der Strecke. Bei zweien scheint mir eine einigermaßen dem bisherigen Prämierungsniveau angepasste Qualität erreicht. Einige Fehler in der "Fassung letzter Hand" sind allerdings auch dort immer noch vorhanden und nun nicht mehr zu korrigieren (Dass die Zimmer im "Hotel Peristyl" mit "erotischen Pflanzen" geschmückt sind, entdecke ich überhaupt erst, als wir später die Einsendungen zurückbekommen). Die beiden Gruppen haben es dann auch tatsächlich zu einem dritten Preis gebracht. Mit viel eigener Phantasie und Mühe, aber auch viel Lehrerhilfe.
Der Zwiespalt bleibt: Es wäre in meinen Augen besser gewesen, sie hätten es ohne mich oder zumindest mit einer verhalteneren Beratung schaffen können. Dies erschien bei der gegebenen Themenstellung kaum erreichbar. Wettbewerb versus Selbsttätigkeit - ein kaum befriedigend zu lösendes Spannungsverhältnis. Den Wettbewerb "Lebendige Antike" und seine Themenstellungen möchte ich als Projektanregung wiederum auf keinen Fall missen.
Hartmut Schulz,
Leonardo-da-Vinci-Oberschule, Neukölln
aus: Lebendige Antike. Erfahrungen mit Projektarbeit im Latein- und Griechischunterricht, Redaktion: Dr. Josef Rabl und Leonhard Dünnwald, als Broschüre beim BIL 1998 erschienen