Erfahrungsberichte
Römische Autoren neu gelesen
Ein Werbeprospekt für den Badeort Baiae entsteht
Projekt und Unterricht
Das Thema schien mir eine gute Möglichkeit zu bieten, Projekt und Unterricht miteinander zu verbinden.Viel Zeit hat man nicht: Erst einmal muß man sich über das, was man nun eigentlich machen will, einigen, und damit verbunden ist die Frage, wer mitmachen will - und kann. Es ist ja schwierig, am Nachmittag einen Termin zu finden, an dem alle Interessenten - es waren in diesem Fall 12 - zumindest prinzipiell keine anderen Verpflichtungen haben. Außer vielleicht direkt vor dem Abgabetermin ist in der Regel nur ein Treffen pro Woche möglich. Ferien kommen bedauerlicherweise auch noch dazwischen
Andererseits kann man für die vielen praktisch-technischen Fragen des Projekts nicht den Unterricht nutzen, vor allem nicht, wenn nicht alle Schülerinnen und Schüler der Klasse mitmachen. Und dies wiederum kann und will man ja nicht erzwingen. Vor allem werden schließlich Klausuren geschrieben, und die Klasse muß sich bis dahin in einen neuen Autor eingelesen haben. Hier ergab sich nun eine glückliche Verbindungsmöglichkeit: Im Unterricht lasen wir einige Texte über Baiae, insbesondere Seneca ad Lucilium 56 (etwas gekürzt) und 51 (stärker gekürzt) sowie Martial 1 62 und XI 80; die Verarbeitung für den Werbeprospekt bereiteten die Beteiligten einzeln oder in kleinen Gruppen zu Hause vor; die Koordinierung fand dann bei den wöchentlichen Treffen statt.
Die für einen Werbeprospekt nötige Sichtweise auf Baiae wirkte nun positiv auf den Unterricht zurück. Der Seneca-Text wird trotz seiner brillanten Form von den Schülerinnen und Schülern eher als
rumor senis severioris empfunden - und die brillante Form als Erschwerung des Verständnisses. Wenn nun bisher immer der Ansatzpunkt im Hintergrund stand, Seneca ,,gegen den Strich" zu lesen, es aber nun herauszuholen galt, was man - eine andere Lebenseinstellung vorausgesetzt - Attraktives über Baiae in den Briefen finden kann, so war das ein wichtiges Motivationsmittel, um sich durch den Text hindurchzuarbeiten. Denn nach Caesar war diese Lektüre trotz vieler Hilfen, die ich selbstverständlich gegeben habe, eine hohe sprachliche Hürde für die Schülerinnen und Schüler.
Hier nun einige Auszüge aus den beiden Briefen von Seneca und darunter die Form, in der sie in den Werbeprospekt einflossen:
(aus ep. 51:)<Baiae> deversorium vitiorum esse coeperunt. ... Quemadmodum inter tortores habitare nolim, sic ne inter popinas quidem. Videre ebrios per litora errantes et comessationes navigantium et symphoniarum cantibus strepentes lacus et alia, quae velut soluta legibus luxuria non tantum peccat, sed publicat, quid necesse est? ... Habitaturum tu putas umquam fuisse illic M. Catonem, ut praenavigantes adulteras dinumeraret et tot genera cumbarum variis coloribus picta et fluvitantem toto lacu rosam, ut audiret canentium nocturna convicia? ... Quid mihi cum istis calentibus stagnis? Quid cum sudatoriis, in quae siccus vapor corpora exhausurus includitur?
(aus ep. 56:) Ecce undique me varius clamor circumsonat: supra ipsum balneum habito. Propone nunc tibi omnia genera vocum, quae in odium possunt aures adducere: cum fortiores exercentur et manus plumbo graves iactant, cum aut laborant aut laborantem imitantur, gemitus audio, quotiens retentum spiritum remiserunt, sibilos et acerbissimas respirationes; cum in aliquem inertem et hac plebeia unctione contentum incidi, audio crepitum inlisae manus umeris . .Si vero pilicrepus supervenit et numerare coepit pilas, actum est. ... cogita... iam biberari varias exclamationes et botularium et crustularium et omnes popinarum institores mercem sua quadam et insignita modulatione vendentis.
Martial ist sprachlich keineswegs einfacher, aber er gewann sofort Attraktivität, als deutlich wurde, daß er genau diese andere Lebenseinstellung zur Sprache bringt. Da wurde dann die Aufgabe gern angenommen, eine Übersetzung, die die Emphase des Originals (XI 80) wiedergibt, zu erarbeiten.
Casta nec antiquis cedens Laevina Sabinis
et quamvis tetrico tristior ipsa viro
dum modo Lucrino, modo se permittit Averno,
et dum Baianis saepe fovetur aquis,
incidit in flammas: iuvenemque secuta relicto
coniuge Penelope venit, abit Helene.
Als ich zur Anregung ein Beispiel aus Morgensterns "Horatius Travestitus" vorlas, um für dieses Gedicht (I 62) nicht eine Übersetzung, sondern eine freie Umsetzung in die heutige Zeit anzuregen, kamen Ideen zusammen, die wir zur der folgenden Version zusammenstellten.
So konnte der Unterricht, obwohl am Text bleibend, doch zum Projekt allgemein wichtige Informationen und einzelne fertige Elemente beitragen.
Technisches
Bei dem Wettbewerb vor zwei Jahren, ebenfalls in einer 11. Klasse, hatte ein einziger Schüler einen Computer und ein Programm, mit dem man die Texte und Bilder - schwarzweiß - gestalten konnte. Und es gab zwei weitere, die die fertigen Texte aller anderen eingeben und ihn auf Diskette weiterreichen konnten. Diesmal waren es drei Schüler, die zum Layout beitrugen. Allerdings auch noch nicht ohne Probleme, da der eine das Programm, der andere aber den Farbdrucker hatte, der dritte wiederum zu wenig Speicher, um ein Farbbild bearbeiten zu können.
Deshalb ist das farbige Titelbild als Blickfänger noch in traditioneller Collagetechnik entstanden: Eine moderne Ansicht von Baiae, in der eingestürzte Kuppeln durch vollständige ersetzt und moderne Gebäude durch antike Portiken verdeckt wurden. Allzu große wissenschaftliche Skrupel muß man bei alledem nicht haben, denn Baiae ist archäologisch so gut wie unerforscht, und so kann eine Rekonstruktion immer nur mit viel Phantasie erfolgen. Aber die Klebetechnik hat ihre Nachteile: es bleiben Ränder, oft passen Perspektive und Farben nicht genau. Aber ganz gewiß werden im nächsten Jahr schon andere Möglichkeiten zur Verfügung stehen: Computer und Programme werden allgemein erschwinglich sein, mit denen man nahtlose Farbübergänge gestalten und die einzusetzenden Objekte so verzerren kann, daß sie sich der Perspektive des Gesamtbildes anpassen. Dann wird man auch leicht langweilig-tote Rekonstruktionszeichnungen mit Menschen, Wagen und südländischem Schmutz beleben können.
Aber auf einem Schwarz-weiß-Bild konnte ein Schüler den Ruinenzustand einer Badeanlage in einen gedachten antiken Zustand - gewissermaßen als Rohbau - bereits zurückverwandeln.
Während es zunächst nur die Jungen waren, welche die Computer bedienten, gewinnt dieses Werkzeug in dem Maße auch für Mädchen Interesse, in dem es nicht mehr darum geht, mit kryptischen Befehlen eine Maschine zu steuern, sondern der Bildschirm eine einladende Fläche zum kreativen Gestalten darstellt.
Es war jetzt schon so, daß es gar keine Schwierigkeiten mehr machte, praktisch von allen Schülerinnen und Schülern die Texte auf Disketten zu erhalten. In einer gleichzeitigen achten Klasse verfügten Jungen und Mädchen gleichermaßen etwa zur Hälfte über einen eigenen Computer, und es war ein Mädchen, das - für ein anders Vorhaben - das farbige Layout gestaltete.
Organisation
Nachdem sehr schnell entschieden war, daß die Möglichkeit "Reisen in der Antike" der Alternative ,,Reisen in die Antike" vorgezogen werden sollte, gab ich im Hinblick auf die oben beschriebenen Möglichkeiten der Verknüpfung von Unterricht und Projekt das Thema Baiae und die Form der Zeitungsbeilage vor. Einfach deshalb, weil es nach meiner Kenntnis das einzige Thema in diesem Bereich ist, zu dem es mehrere längere zusammenhängende lesenswerte Texte gibt. Und nur ein Wettbewerbsbeitrag, der weitgehend auf Texten beruhte, konnte die Ergebnisse von Lektüre und Interpretation in sich aufnehmen.
Es waren bei keinem Treffen alle da, und niemand war zu allen Treffen da. So bestand meine Haupttätigkeit in der Organisation: Wer reicht wem wann welches Material zu welchem Artikel weiter? Wann gibt wer wem welche Diskette, um was damit zu machen?
Schon weil die vielen anschaulichen Bilderbücher über die Antike, die so anregend sind, in den Bibliotheken nicht vorhanden sind, aber auch weil in den vorhandenen immer nur einzelne Kapitel, die es aber erst zu finden gilt, relevant sind und schließlich, weil dort oft die Briefstellen, die ich im Unterricht übersetzen lassen wollte, auf deutsch abgedruckt sind, habe ich das gesamte nötige Material den Schülerinnen und Schülern kopiert - und im oben genannten Sinne ,,ad usum Delphini" beschnitten - zur Verfügung gestellt. Daraus entstanden dann u.a. im Anschluß abgedruckten praktischen Tips.
Dieses alles bedeutet aber, daß wichtige Elemente, die ein Projekt kennzeichnen sollten, völlig weggefallen sind: die selbständige Findung von Thema und Produkt, die notwendigerweise chaotische Phase, aus der sich durch Selbstorganisation Strukturen des Arbeitens herauskristallisieren und schließlich das Suchen nach Material.
So wäre es geprahlt, von einem Projekt im strengen pädagogischen Sinne des Wortes sprechen zu wollen, aber die Schülerinnen und Schüler, auch die nicht am Projekt beteiligten, hätten die sprachlich und inhaltlich für sie schwierigen Texte nicht mit diesem Interesse gelesen, wenn nicht der Wettbewerb im Hintergrund gewesen wäre.
Dietrich Stratenwerth,
Georg-Herwegh-Oberschule
aus: Lebendige Antike. Erfahrungen mit Projektarbeit im Latein- und Griechischunterricht, Redaktion: Dr. Josef Rabl und Leonhard Dünnwald, als Broschüre beim BIL 1998 erschienen