Rede zum 20. Geburtstag von Zeitung in der Schule
und zum 30. Geburtstag des IZOP-Instituts
im Kaisersaal des Aachener Rathauses
Sehr geehrte Damen und Herren!
Fragt man Schüler, wo sie die Zeitung am liebsten lesen, so lautet die Antwort: in der Schule. Einen anderen Lieblingsplatz verriet Loriot dem Publikum zum 50. Geburtstag der Süddeutschen Zeitung: "Wenn ich die Absicht habe, eine Ausgabe ungestört ... zu lesen, löse ich eine Rückfahrkarte für den Intercity München-Stuttgart." Er fügte noch hinzu, er sei die Strecke häufig gefahren, daher sei ihm das Blatt vertraut (Anm.1). Angesichts der Reisekosten für den Intercity ist die "Zeitung in der Schule" preisgünstig!
Die Zeitungsseiten zusammenzuhalten ist in der Schulbank nicht leichter als in der Bahn. Ich kann mir vorstellen, wie Loriot beim Umblättern im engen Abteil mit der Tücke des Objekts kämpft, bei meinen Schülern habe ich es oft beobachtet! Aber vieles lernt man am besten in jungen Jahren durch Tun, auch den Umgang mit der Zeitung.
Zum Thema "Warum die Schule die Zeitung braucht!" fallen mir fünf Gesichtspunkte ein.
1.Wer viel liest, der viel weiß.
Der Zusammenhang von Lesen und Wissen ist sonnenklar. Ihn hier auszubreiten, hieße Eulen nach Athen oder Pferde nach Aachen bringen. Freilich ist es nicht so, dass die bloße Existenz eines Mediums schon seinen Gebrauch sichert, das gelingt erst mit interessanten Aufgaben. Wenn es Sache der Schule ist, Geschichte und Gegenwart zu erschließen sowie für die Zukunft zu qualifizieren, dann muss die Schule die Printmedien nutzen, denn sie erheben den Anspruch, den "Dingen auf den Grund"(Anm. 2) zu gehen, "mehr Wissen" zu vermitteln und "Köpfe klug" zu machen. Die Schule kann froh sein, daß die Zeitungsverleger ein Bündnis mit ihr eingegangen sind - ein höchst erfolgreiches noch dazu.
2.Zeitung-Lesen schafft Muße.
Zeitungslektüre leistet etwas, was schulischer Lektüre selten gelingt: Individualisierung und Entspannung. Der eine sucht zur Lektüre den Schmökerwinkel auf, der nächste packt genießerisch sein Pausenbrot aus ein. Beim Blättern im Chemiebuch, bei der Arbeit am PC oder beim Übersetzen von Caesars Gallischem Krieg ist dergleichen unerwünscht, ja verboten. Zeitungslektüre hat ihre eigenen, sympathischen Gesetze. "Zeitung kommt von Zeit .. ein Rest davon hat im Begriff "Zeitung" überwintert, ein Objekt, das uns Informationen gibt, aber in einer gelassenen Atmosphäre der Ruhe"(Anm. 3). Ihre Navigationsstruktur tut ein Übriges, wir müssen nicht von Kanal zu Kanal zappen. Jeder Leser sucht und findet seinen Weg und dabei führen viele Wege nach Rom.
Kürzlich las ich in der Zeitung (Anm. 4), dass die plötzliche Zunahme von Essstörungen bei jungen Frauen auf den Fidschi-Inseln zusammenhängen könnte mit der Einführung des Fernsehens im Jahr 1995. Ihr bisheriges Körperideal wurde diesen Frauen zum Problem. Ob Zeitungslektüre in der Schule vergleichbare Wirkungen zeigt und Lebenskonzepte, Weltsicht und Lernstrategien hinterfragen läßt" Wenn sie zur Urteilsbildung und mehr Selbständigkeit führt, dann wäre die Schule wieder mehr Schule im alten griechischen Idealsinn. Scholé (Anm. 5) - Muße fordert einen Raum der Zurückgezogenheit (bei Loriot den IC), aber erfüllen lässt sich diese Innenwelt nur durch eine zuverlässige Orientierung in der Aussenwelt und die kritische Auseinandersetzung mit ihr. Die Muße braucht Nahrung. Die Tageszeitung offeriert sie.
3.Zeitungslektüre macht aus dem Fächerpuzzle ein Ganzes
Die Zeitung ist jeden Tag neu, Schulbücher sind alt - und dies nicht erst in Zeiten knappen Geldes. Aktualität war nie die Domäne des Lehrbuchs. Das ist die Stärke der Zeitung, die neue Rechtschreibung inklusive! In der Schule ist die Welt in Fächer zerstückelt, sie wieder zusammenzubringen ist schwer, die Zeitung kann es, sie gehorcht nicht dem schulischen Lehrplan, sprudelt über mit Anregungen.
Wie sie die Fächergrenzen sprengt, läßt sich an drei Leserbriefen in der Berliner Zeitung zeigen. "Wie xenophob ist Brandenburg" (Anm. 6) lautete kürzlich die Überschrift eines Kommentars. - Eine Leserin (Anm. 7) schrieb, sie habe den Fachschulabschluss in Ökonomie, halte sich für einigermaßen gebildet, scheitere aber oft an Fachbegriffen. Das Wort "xenophob" (fremdenfeindlich) habe sie weder im Duden noch im Lexikon gefunden. - Ein anderer (Anm. 8) merkte hilfreich an, solche Begriffe stünden nicht im Rechtschreibe-, sondern im Fremdwörterduden. - Ein dritter (Anm. 9) attestierte, das Wort "xenophob" habe seine Aufmerksamkeit erst geweckt. Diesen Begriff aus der Verhaltensforschung (Anm. 10) könne man mit "Fremdeln" übersetzen, das meint, ein Mensch reagiere unbewusst ablehnend oder geängstigt auf Fremdes. Dieser Leserbriefschreiber protestierte nun energisch dagegen, mit dieser biologistischen Argumentation den rechtsextremen Terror hinzunehmen und den Asylbewerber zum Problem zu machen.
Ein etwas störrisches Fremdwort eröffnet einen weiten Horizont, verbindet plötzlich vier Unterrichtsfächer, Deutsch, Politik, Biologie und Griechisch (wo die Substantive xénos und phobós zum Lernwortschatz der ersten 14 Tage gehören!). Es gibt kein Schulfach, das definitionsgemäß solch überraschende, weil ungeplante Perspektiven eröffnen kann. Die Zeitung in der Schule macht es möglich, Impulse, die außerhalb des eigenen Horizonts liegen, aufzunehmen. Freilich verlangt dies einen kompetenten Lehrer, der solche Grenzüberschreitungen zulässt. Dann stört die Zeitung in wohltuender Weise den didaktisch reduzierten Blick auf die Welt.
4.Zeitungslektüre evoziert eine Kultur der Anstrengung
"Wer etwas Wichtiges zu sagen hat, macht keine langen Sätze", lautet die Werbebotschaft der Bild-Zeitung. Darauf könnte man mit Albert Einstein antworten: "Man soll alles so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher!"
Lesen gleicht mitunter einem Auslandsaufenthalt im eigenen Land. Verstehe ich meine Muttersprache!" Verstehe ich die Anspielungen im Text" "Lesen ist nicht möglich ohne den zergliedernden und komponierenden Verstand" (Anm. 11). Kinder, die heute der Vernachlässigung der Sprache tatenlos ausgesetzt sind, werden die Verlierer von morgen sein (Anm. 12). Am Ende steht eine "Zweiklassengesellschaft der Anstrengungsflotten und der Unterhaltungsgeschwächten" (Kurt Reumann). "Lesen heißt auch, seine Chance nicht zu verschlafen" (Anm. 13).
Ein amüsantes Anstrengungstraining ermöglichen Karikaturen (Anm. 14), attraktive Kinder der Zeitung. Dazu wieder ein Exempel aus der Berliner Zeitung (Anm. 15): Zwei Welten sind durch die Bilddiagonale getrennt und vereint: die Mitte des ersten und das Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts. Der Akteur ist durch Ambiente und Kleidung (Sandalen, Toga, Lorbeerkranz) als Römer definiert. In der linken Bildhälfte die zerstörerische Gegenwart von Flugzeugen und Raketen.
Wer Peter Ustinov in "Quo vadis" (1952) gesehen hat, erkennt den serbischen Präsidenten als Kaiser Nero in überzeugender Identität. Der Möchtegern-Künstler Nero musiziert, den Untergang Troias evasorisch vor Augen, während Rom zum Raub der Flammen wird. Die Zerstörung seiner Stadt ließ ihn angeblich kalt. Bei seinen Zeitgenossen galt Nero übrigens als der Hoffnungsträger! Wurde nicht auch der Serbe vom Westen hofiert" Probleme hätte ich allerdings mit einer weitergehenden Parallelisierung: Neroexperten kommen heute zu dem Ergebnis, dass er das Opfer eines Komplottes wurde (Anm. 16), dass seine Gegner und eine schlechte Presse ihn erst zum Ausbund des Bösen gemacht haben.
Was will ich sagen: Karikaturen erschließen (wie Texte) die Gegenwart durch Anspielung, Verfremdung oder Zitat. Die zum Verständnis nötige Grundlagen muß die Schule schaffen. Der Erkenntnisgewinn bei der Zeitungslektüre und der Motivationszuwachs bei den Schülern wirken positiv zurück auf die Schule. Wer etwa die Erzählungen von Sisyphus, Ariadne, Europa und vielen anderen im Lateinunterricht (Anm. 17) kennengelernt hat und plötzlich sieht, wie präsent und dynamisch all diese Herrschaften in den Zeitungen weiterleben, wird seine Mühen im Unterricht nicht zur verlorenen Zeit erklären. Nicht für die Schule lernen wir, sondern fürs Leben. Durch die Zeitung in der Schule wird das manifest.
5."Jugend schreibt" trainiert den Ernstfall
Zeitung in der Schule ist ein Angebot zur schöpferischen Aktivität. Man kann - wie Loriot liebevoll erläutert - die Zeitung zum Trocknen nasser Schuhe benutzen, man kann mit Zeitungspapier eine Modenschau veranstalten, aus einem Dutzend Karikaturen eine Bildergeschichte machen oder seiner Phantasie anderweitig Lauf lassen.
Auch das Schreiben ist eine schöpferische Aktivität und die logische Ergänzung des Zeitunglesens. Firm in einer Sprache wird man nur durch ständiges Lesen (Anm. 18) und die aktive Benutzung der so erworbenen Schriftsprache. Journalistisches Schreiben macht sensibel gegen Weitschweifigkeit jeder Art. Das Zeitalter der elektronischen Nachricht ist zwar nicht der Feind der Schriftlichkeit, aber das richtige, stilistisch schöne Schreiben ist gefährdet (Anm. 19). "Jugend schreibt" hält dem entgegen, probt mit dem Schritt in die Öffentlichkeit den Ernstfall, vermittelt Akribie im Kopf und auf dem Papier.
Damit komme ich zum Schluß.
Kinder brauchen Bücher (Bruno Bettelheim), Jugendliche brauchen die Zeitung (Kurt Reumann), Lehrer brauchen das IZOP-Institut (das konstatieren Hunderte von Projektlehrern)! Ich kenne keine engagiertere und kompetentere Fortbildungsinstitution in Deutschland, keine Einrichtung, die Lehrer besser qualifiziert und aufwendiger betreut, kein Institut, das alle Unterrichtsfächer ohne Ausnahme einzubinden versucht, keinen Treffpunkt, der eine bundesweite Ideen- und Kontaktbörse von solchem Rang darstellt. Auswirkungen der exzellenten Arbeit des IZOP-Instituts sind überall mit Händen zu greifen, etwa in der jüngsten Lehrbuchgeneration nahezu aller Fächer (gar nicht zu reden von den regelmäßigen Schülerseiten in Dutzenden Zeitungen!).
Es ist sicher kein Zufall, dass das IZOP-Institut in Aachen, in der Stadt Karls des Großen, zu Hause ist, dem bekanntlich Sprache, Schule und Bildung sehr am Herzen lagen. Es würde mich nicht wundern, wenn man in den Archiven des Instituts auf Unterlagen stieße (einen Leitartikel, eine Agenturmeldung oder Stellenanzeigen vielleicht), wonach nicht Peter Brand der Begründer dieses Unternehmens ist, sondern Alkuin, der - dies ist gesichert - eine blühende Schreibschule gegründet hat. So wäre also nicht das 30-jährige Bestehen zu feiern, sondern der 1200. Geburtstag des IZOP-Instituts. Gleichwie: Herzlichen Glückwunsch und einen herzlichen Dank allen seinen Mitarbeitern!
Anmerkungen:
1. Loriot: SAUGFÄHIG. Der Süddeutschen Zeitung zum 50. Geburtstag, in: Sehr verehrte Damen und Herren. Reden und Ähnliches, herausgegeben von Daniel Keel, Zürich 1997,159
2. So lautet das Motto des Berliner Tagesspiegels, ein Vergilzitat (georg. 2,490, "rerum cognoscere causas").
3. Auszug aus einer Anzeige des Bundesverbands Druck in der Märkischen Allgemeinen vom 20. Mai 1995, V 11
4. FAZ 20.5.1999, 13
5. "Muße" und "Unmuße", in: Klaus Bartels: Homerische Allotria. Hundert neue Streiflichter aus der Antike, ,Paderbrn-Zürich 1993,57-65 (Erstveröffentlichung in der Neuen Zürcher Zeitung)
6. Dieter Hoffmann-Axthelm: Wie xenophob ist Brandenburg?, Berliner Zeitung, 13.4.1999
7. Grit Linster, Leserbrief: Der Duden war keine Lösung, Berliner Zeitung, 7.5.1999, 16
8. Michael Jopisch, Leserbrief: Nicht im Duden, Berliner Zeitung, 19.5.1999, 17
9. Stefan Spangenberg, Leserbrief: Defizite einer Gesellschaft, Berliner Zeitung 14.5.1999, 13
10. Zur sprachlichen Xenophobie bzw. Xenophilie vgl. Dieter E. Zimmer: Neuanglodeutsch. Über die Pidginisierung der Sprache, in: ders.: Deutsch und anders - die Sprache im Modernisierungsfieber, Reinbek 1998,7ff.
11. Kurt Reumann: Lesefreuden und Lebenswelten (Edition Interfrom Bd. 244) Osnabrück 1992,43
12. Vgl. Dieter E. Zimmer: Deutsch und anders - die Sprache im Modernisierungsfieber (rororo sachbuch 60525), Reinbek 1998,241 und Reumann, aaO. 206f.
13. So heißt es in einer Anzeige des Bundesverbands Druck, FAZ 9.11.1992,35
14. Vgl. Art. Karikatur, in: Klaus Bartels: Wie Berenike auf die Vernissage kam. 77 Wortgeschichten, WBG Darmstadt 1996, 98f.
15. Karikatur von Dieter Zehentmayr, Berliner Zeitung, 26. März 1999, 4
16. Martin Papirowski: Nero - Plädoyer für eine Bestie, in: Sphinx, D. 3, Geheimnisse der Geschichte. Von Ramses II. bis zum Ersten Kaiser von China, herausgegeben von Hans-Christian Huf, Bergisch-Gladbach 1998,180-227, hier 180
17. Eine exzellente und vorbildlich (mit Zeitungskarikaturen) illustrierte Textauswahl stammt von Friedrich Maier: Stichwörter der europäischen Kultur, Bamberg 1992. Ein Lehrerkommentar von F. Maier erschien ebenfalls 1992. Dort schreibt Maier im Vorwort: "Der feststellbare Trend zum Nichtwissen steht in einem auffallenden Kontrast zur Verwendung dieser Stichwörter dort, wo man allgemein in der Öffentlichkeit, zumindest unter den "gebildeten" Bürgern, solches Wissen voraussetzt, unter den Lesern der Tageszeitungen, besonders der Wochenendausgaben, von Illustrierten und politischen Magazinen, auch von Texten und Arrangements der Werbung. Da herrscht die auf das antike Vor-Bild rekurrierende Karikatur vor; Balkenüberschriften signalisieren eine spontane Vorstellung, Kommentare verdeutlichen in der antiken Metapher das Gemeinte, indem sie im Leser das vorausgesetzte Bildungswissen aktivieren ..."
18. Kurt Reumann: Wider das tödliche Amüsement. Schulen und Zeitungen sind Verbündete: Aufruf zu einer Verteidigung der Lesekultur, FAZ 28.9.1992,14; Wolfgang Blum: Fatale Deutschstunden. Literatur ist, wenn das Lesen keinen Spaß macht, Die Zeit, Nr. 15, 9.4.1993,34
19. Vgl. Zimmer 242
Josef Rabl
Wald-Oberschule Berlin